Sinfonie Nr. 8 (Die Glocke - Brücke zur Unendlichkeit)
von Enjott Schneider
Leihmaterial
Besetzung:
Sopran Solo,
Chor (S S A A T B),
Flöte 1+2 (2. auch Piccoloflöte),
Oboe 1+2 (2. auch Englischhorn),
Klarinette 1+2 (2. auch Bassklarinette),
Fagott 1+2 (2. auch Kontrafagott),
Horn 1-4 in F,
Trompeten 1+2 in Bb,
Posaunen 1-3 (T T B),
Basstuba,
Harfe,
Pauke/Triangel/Glockenspiel/große Klangplatte auf G,
Percussion 1: große Trommel, Triangel, Glockenspiel, 3 hängende Becken, eine Reihe crotales, Herdenglocke (cowbell), Großer Gong (tief),
Percussion 2: Tamtam, Snare Drum, Tubular Bells, Vibraphon, Metal Chimes, 2 Tomtom (Daiku), woodblock, Asian Cymbal (China Cymbal), Handdrum (Ethno-Rahmentrommel),
Großes Streichorchester mit Vl1+2, Vla, Vc, Kbass (möglichst 16er-Besetzung),
Audiozuspielung mit Sounddesign und Atmosphären (von CD oder Audiofile)
Vorwort:
Die GLOCKE ist ein Archetyp des Klanges und des menschlichen Existierens. Sie begleitet seit Jahrtausenden den Menschen bei Geburt, Feiern, sakralen Handlungen, bei Arbeit, Krieg, Not und Tod. Sie erklang bei Totenkulten, Prozessionen und Trauerzügen. Die Brücke ins Transzendente und in die immaterielle Welt war meist aus Glockenklang gebaut, dessen „heilige“ Schwingungen Schutz vor Unheil, bösen Mächten und Dämonen bot.
Die etwa siebentausendjährige Geschichte der Glocke geht weit über das christliche Abendland hinaus, wo man in eurozentristischer Sicht den Glockenklang gerne beheimatet sieht. Man begegnet ihr in den frühesten Anfängen der Zivilisationen, bei den Sumerern, im Palast von Ninive, schon 7000 Jahre vor Christus bei den Skythen im zentralasiatischmongolischen Raum, wo Pferde oder kriegerische Schilder stets mit Glocken behangen waren. Vor allem in der chinesischen Bronzezeit werden Glocken archäologisch fassbar. Teils
riesenhafte Glockenspiele können noch heute gespielt werden. Da mit Gewicht und Größe die „Bedeutung“ und Schutzwirkung der Glocke verbunden scheint, findet man die größten Glocken in asiatischen Ländern wie China, Japan, Korea oder Thailand. Die „Grosse Glocke von Beijing“ des Kaisers Yong Le (nach 1400) wog bereits 47 Tonnen.
Im mittleren und vorderen Orient, in Buddhismus oder Islam waren jedoch auch die kleinen Glocken, Glöckchen und Zimbeln sehr verbreitet: Karawanenzüge waren stets mit Glocken behängt, es gab Pferde-, Kamel-, Elefantenglocken; rituelle Tänze und Zeremonien lebten vom Klang kleiner Glocken. In biblischen Kulten gab es Glöckchen am Rocksaum des Priesters, am Vorhang des Tempels und an Krone wie Schild der Thora.
Obwohl Glocken als Signalgeber essentiell auch zu jeder Kriegsführung gehörten, verbindet man derzeit die GLOCKE doch eher mit religiösen Ritualen: vom Singen der Psalmen bis zur Stundenmarkierung in Klöstern und Menschengemeinschaften, woraus sich folgerichtig der Schlag der Uhrenglocken entwickelte. Eine grundlegend recherchierte Veröffentlichung zur weltweiten Verbreitung des von Mystik umwobenen Instruments „Glocke bietet der „Glockenpapst“ Kurt Kramer in seinem reich bebilderten Buch „Klänge der Unendlichkeit. Eine Reise durch die Kulturgeschichte der Glocke“ (2015 im Verlag Butzon & Bercker), das sich auch im Internet umfassend präsentiert.
Die Geschichte der Glocke ist Völker- und Weltumspannend: keine Kultur der Erde, die nicht mit einem spezifischen Glockenritual ihre Identität findet und damit auf die magische Welt hinter den Dingen hinweist. Die Symphonie Nr. 8 GLOCKE – BRÜCKE ZUM UNENDLICHEN macht diese archaische Vielfalt emotional erlebbar, indem aus der Fülle der Sagen, Stoffe, Geschichte und der Texte exemplarisch Stationen herausgegriffen werden. Beginnend mit uralter asiatischer Idiomatik und dem in chinesischer Sprache gesungenen Gedicht „The Bell of Hanshan“ von Zhang Ji (712-779) geht es zunächst zum Vorderen Orient mit dem Glöckchenklang des arabischen Dichters Dschalaluddin Rumi (1207-1273), dann zu den dämonischen Aspekten des Glockenklangs. Ein so singuläres wie kultiges Werk der
Musikgeschichte hat William Byrd (1540-1623) für Cembalo solo geschrieben, das sich überraschenderweise in einer sinfonischen Instrumentation assoziativ neben moderne Werke der Minimal Music oder von Arvo Pärt stellen läßt. Nach einem romantischen Gedicht „Sehnsucht“ von Otto Julius Bierbaum, in welchem die Glocke ausdrücklich als Repräsentant des Jenseitigen und Göttlichen benannt wird, geht es zum impulsiven Finale des „Dona Nobis Pacem“, das sinnigerweise von der Textzeile „Friede sei ihr erst Geläute“ aus Friedrich Schillers legendärem Gedicht „Die Glocke“ eingeleitet wird.