Rhapsodie über Ukrainische Themen Nr. 2 op. 18
von Mykola Lyssenko & Mikhail Sikard / Bearb. Akos Hoffmann
Einrichtung der Solo-Violine von Gwendoly Masin
Partitur und Stimmen
Über das Stück und die Bearbeitung
„Wenn wir tot sind, träumen wir dann davon, am Leben zu sein?“ Die Frage meines fünfjährigen Sohnes hängt in der Luft. Ich schaue auf die Partitur in meiner Hand und antworte: „Das weiß ich nicht genau. Aber andere Menschen träumen von uns – so bleibt ein Teil von uns lebendig.“
Jedes Mal, wenn wir die Musik von Komponistinnen und Komponisten spielen, hauchen wir ihnen und ihren Geschichten neuen Atem ein. Und indem wir ihre Werke interpretieren, weben wir unsere eigenen Lebensgeschichten in den Klangteppich des menschlichen Ausdrucks ein.
Der Autor Lukas Bärfuss und ich begannen 2018 mit der Arbeit an einer Produktion, die wir The Journey nannten. Wir wollten damit Gebiete in Zentral- und Osteuropa bereisen, auf der Suche nach unerzählten Geschichten. Die musikalische Reise The Journey führt von der Ukraine nach Litauen, von Polen nach Rumänien, von Ungarn in die Schweiz und präsentiert Texte von Lukas Bärfuss mit verlorenen und
wiedergefundenen Liedern, von denen ich viele mit lebenden Komponistinnen und Komponisten gesetzt oder bearbeitet habe, und die ich bei Aufführungen spiele. Ich erforschte kaum dokumentierte Musik, die Hinweise auf die komplexe Vergangenheit des 20. Jahrhunderts liefert. Bei Besuchen in Archiven in der Schweiz, Israel, Belgien und Ungarn kamen handgeschriebene Partituren aus Bessarabien und der Bukowina, aus Moldawien und Siebenbürgen zum Vorschein. Im Februar 2022 wurde unser Narrativ dringlicher und aktueller, als die russische Invasion in der Ukraine begann.
Das Werk von Mykola Lyssenko spielte eine entscheidende Rolle für die Entwicklung und Anerkennung der ukrainischen Musikkultur. Das wehmütige Eröffnungsthema seiner Rhapsodie über ukrainische Themen Nr. 2, Opus 18 Dumka-Shumka beginnt mit einem an die Volksmusik angelehnten Thema. Als Musikethnologe griff Lyssenko in seinen Kompositionen bewusst harmonische Muster dieses Genres auf. Fremdherrschaft und Unterdrückung haben das musikalische Erbe der Ukraine so sehr in den Schatten gestellt, dass ich eine Weile brauchte, um festzustellen, dass die Dumky, die ich am ehesten mit Komponisten wie Antonín Dvořák, Leoš Janáček, Alexander Borodin, Modest Mussorgsky, Sergej Prokofjew oder Peter Tschaikowski in Verbindung brachte, in Wirklichkeit eine von Lyssenko geprägte Musikform ist. Die Dumky wurde nach der Veröffentlichung einer ethnologischen Studie von Lyssenko in den Jahren 1873 und 1874 populär. Lyssenko war der Erste, der speziell die Melodien und die Begleitung auf der in der Ukraine heimischen Bandura oder Lira analysierte. Der Begriff Dumky oder Dumka bedeutet in der ukrainischen Sprache „Gedanke“ und leitet sich vom Wort Duma ab, das eine epische ukrainische Ballade von nachdenklicher oder melancholischer Art bezeichnet. Nach einer schwermütigen Einleitung geht die Komposition in eine virtuose Solokadenz über, gefolgt von der Shumka, einem lebhaften, fröhlichen Stampftanz. Diese Gegenüberstellung von Kontrasten ist ein Hauptmerkmal des Stücks und spiegelt die breitere Tradition der ukrainischen Volksmusik wider. Die Vielfalt der musikalischen Texturen und Stimmungen innerhalb der Dumka-Shumka nehme ich in Strich und Fingersätzen auf, um die Farben zu betonen und die menschliche Stimme so gut wie möglich nachzuempfinden. Während die Fingersätze in der Dumka das durch die expressive, sehnsuchtsvolle Melodie erzeugte Gefühl verstärken, verleihen sie in der Shumka der linken Hand Stabilität und der rechten Hand Kontinuität. Die Vortragsbezeichnung stretta con fuoco in Takt 181 ist dem Klavieroriginal entlehnt. Ich habe die Passage so arrangiert, dass die Bogenstriche des Ensembles vertikal zusammenwirken. Dieser Gedanke wird fortgesetzt, wenn das Soloviolinspiel in Takt 207 einsetzt.
Möge Ihre Aufführung dieses Stücks Ihnen und Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern die gleiche künstlerische Freude bereiten, wie sie mir und meinem Ensemble zuteil wurde!
Gwendolyn Masin (Auftraggeberin und Solistin der Uraufführung dieser Bearbeitung)